Meine Stadt

In den letzten zwei Wochen hat mein Projekt keine großen Fortschritte gemacht. Die deutsche Schule hat mich nicht drehen lassen, weil man dort Angst hatte, das würde bei den Eltern schlecht ankommen. Also beschreibe ich einen Teil meines Lebens hier: Meine Stadt.

Als ich einem Mann in Granada (einer kolonialen, touristischen Stadt) erzählt habe, dass ich in Tipi Tapa lebe, ist er in Lachen ausgebrochen. „Scheiße, Mann! Du kommst nach Nicaragua und lebst in Tipi Tapa?“

Diesen Ruf genießt meine Stadt in weiten Teilen des Landes: Gefährlich, dreckig, arm. Im Stadtwappen steht ironischerweise „Ciudad touristica“ also touristische Stadt. In einigen Reiseführern findet sich dagegen der Hinweis die Stadt am besten zu meiden.

Auch wenn sie sicher kein touristisches Ziel ist so muss ich meine neue Heimatstadt an dieser Stelle verteidigen (aber vorher muss ich nochmal betonen, dass sie kein touristisches Ziel ist).

Tipi Tapa ist tatsächlich dreckig. Wer sich in Berlin gerne über Handhaufen und Müll auf dem Gehweg aufregt hätte hier eine Dauerbeschäftigung. Das liegt daran, dass fast alle hier ihren Müll auf die Straße werfen. Alles wird hier in kleinen Plastikbeuteln verkauft und da es kaum Mülleimer gibt landen die Tüten zwangsläufig auf der Straße (ich komme mir immer komisch vor, wenn ich alle meine Tüten bis nach Hause trage, um sie dort zu entsorgen).

Außerdem ist Tipi Tapa tatsächlich gefährlich. Nach Einbruch der Dunkelheit (ganzjährig um 6 Uhr) sollte man besser mit dem Taxi fahren. Vor der Bank stehen drei Wachleute mit Pumpguns und bevor man eine Spielehalle betreten kann wird man mit einem Metalldetektor durchsucht.

Und auch das letzte Vorurteil kann ich leider nicht entkräften: Meine Stadt ist tatsächlich ziemlich arm. Die meisten jungen Leute hier arbeiten in der „Zona Franca“ der Freihandelszone, in der sich Textilfirmen aus den USA und Asien angesiedelt haben. Für 6 Tage Arbeit pro Woche bekommt man dort monatlich zwischen 100$ und 200$. Das ist auch für nicaraguanische Verhältnisse wenig Geld für viel harte Arbeit. Viele Leute, die ich kennengelernt habe, haben nach ein oder zwei Jahren dort aufgehört, weil die Bedingungen so schlecht waren. Viele Andere haben aber keine andere Wahl.

Und doch hat der Ort eine Art Charme.  Der Ton auf der Straße ist etwas rauer, aber die Leute haben Humor. Ob man zum Kiosk geht oder am Straßenstand etwas zu Essen kauft, die Leute scherzen immer mit einem. Und das ist auch der Grund wieso man sich in dieser Stadt trotz allem ganz wohl fühlen kann.

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