Solentiname – an einem See voller Geschichte

Ich war im laufe der Dreharbeiten schon an vielen ruhigen und idyllischen Orten, aber keiner davon schien so verlorenwie die Solentiname-Inseln im Süden des Nicaragua Sees, fast an der Grenze zu Costa-Rica.

Sobald der Motor unseres Bootes ausgeht ist nur noch Vogelgezwitscher zu hören, wobei Vogelgezwitscher eine schlechte Beschreibung ist für das, was uns durch den Tag begleiten wird, es ist eher eine kleine, improvisierte Sinfonie, die uns durch die nächsten Tage begleiten wird.

Ich bin mit Doña Esperanza verabredet, einer Dame um die 60, die hier geboren ist und, wie sie sagt, hier sterben wird. Sie war noch ein Kind, als der Mann kam, der die Geschichte der Insel prägen sollte. Als Ernesto Cardenal in einem kleinen Boot am Dock anlegte beobachtete sie ihn mit anderen Kindern von weitem. Er fiel als Priester schnell durch seine ungewöhnlichen Methoden auf. Er ließ die Bänke so umstellen, dass sich alle anschauen konnten, seine Messen glichen Gesprächen mit den Gläubigen. „Er hat uns gelehrt Ideale für Freiheit und Gerechtigkeit im Evangelium zu finden. Die Priester vor ihm haben die Gläubigen aufs Jenseits vertröstet. Wenn Kinder in der Gemeinde aus Hunger gestorben sind, dann hat es Gott eben so gewollt. Erst der Poet hat uns gezeigt, dass wir für Gerechtigkeit kämpfen müssen, dass wir uns mit der Diktatur nicht abfinden durften.“

Cardenal, der Poet, hatte nach seiner Rückkehr aus Kuba auch eine Vorstellung davon, wie dieser Kampf aussehen musste. Viele seiner Freunde von der Insel halfen im bei den Sandinisten im Kampf gegen die Diktatur und verloren dabei ihr Leben. Nach dem Sieg der Revolution wurde Cardenal Kulturminister.

Nach 10 Jahren an der Macht spürte er, dass sich die Partei zunehmend von ihren Idealen entfernte und stieg schließlich aus. Heute nennt er Präsidenten Daniel Ortega einen Diktator und Doña Esperanza stimmt zu. Viele Bewohner der Insel fühlen sich wieder alleingelassen.

Solentiname.jpg

Yoffran ist viele Jahre nach dem Ende dieser langen Geschichte geboren. Er ist 11 Jahre alt und geht in die 5. Klasse. Dass er auf der Insel eine Schule besuchen kann hat er vor allem Cardenal zu verdanken, der sich für die Gründung von Schulen eingesetzt hat. Das weiß er auch zu schätzen – sein Traum ist ein Studium abzuschließen. Er ist ein ernstes Kind, nur wenn man ihn etwas zum lachen bringt scheint er das kurz zu vergessen.

Sein Vater arbeitet in einem Dorf am anderen Ufer des Sees und kommt sie einmal im Monat besuchen. Dann schauen sie Baseball und hören zusammen Musik, erzählt mir Yoffran.

Wir paddeln im Kanu einmal um die Insel herum, die letzten Sonnenstrahlen brechen durch dunkle Regenwolken und ich muss mich zwingen mir vorzustellen, wie an diesem so friedlichen Ort so viel Geschichte passiert sein kann.

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